Friday, July 30, 2021
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„Katakomben“-Regisseur Jakob M. Erwa

ER ist einer der spannendsten Regisseure des deutschen Kinos: Jakob M. Erwa (39). Mit der schwulen Liebesgeschichte „Die Mitte der Welt“ landete er vor vier Jahren einen vielbeachteten und mehrfach ausgezeichneten Publikumserfolg. Seine neue Serie „Katakomben“, die jetzt beim Streamingdienst Joyn PLUS+ zu sehen ist, erzählt in sechs Teilen eine hochspannende Geschichte über Raves, Mord und zeigt, was das „schicke München“ sonst lieber versteckt.

In BILD spricht er über den Serien-Sechsteiler, die Aktion #Actout und verrät, warum Frauen die spannenderen Charaktere sind.

BILD: Was hat Sie an „Katakomben“ als Stoff interessiert?

Jakob M. Erwa: „Als der Produzent Florian Kamhuber mit der Idee auf mich zukam, war ich sofort angefixt. Ich fand die Prämisse sehr spannend: Ein paar wohlhabende Münchner Rich Kids gehen auf einen illegalen Rave im Untergrund und werden dort mit einer ganz anderen Realität konfrontiert. Hier trifft Reich auf Arm. Perfekt für München, dachte ich.

Bevor wir an der Serie gearbeitet haben, wusste ich selbst nichts von den real existierenden Katakomben unter dem Münchner Hauptbahnhof. Und dass vieles von dem, was man an der Oberfläche der Stadt nicht sieht, dort stattfindet. Hier unten begegnen wir den ,Unsichtbaren‘, den Vergessenen und Verdrängten der Gesellschaft. Die Katakomben stellen also eine Art Grauzone dar. Und schnell drängt sich die Vermutung auf, dass die Politik hier etwas akzeptiert, um das Münchner Stadtbild ,sauber‘ zu halten.

Von dieser Prämisse ausgehend, haben wir dann eine Story um Charaktere entwickelt, die wichtige soziale Themen aufnimmt und die Frage weiterspinnt ,wie lange kann man Verdrängte weiter verdrängen, bis es knallt?‘“

Die Serie ist also „Unterhaltung mit Haltung“?

Erwa: „Ja, als ,Unterhaltung mit Haltung‘ beschreibe ich gern meine Art, Filme und Serien zu machen. ,Katakomben‘ ist eben kein Sozialdrama, sondern ein Unterhaltungsformat, das aber auch ein soziales Anliegen hat.

,Katakomben‘ soll spannend, dramatisch, lustig und stellenweise auch ein bisschen sexy sein, und zugleich auch relevante soziale Themen, wie die Schere zwischen Arm und Reich und eine bestimmten Sicht auf die Gesellschaft thematisieren. Ich möchte, dass die Zuschauer*innen allen Charakteren in der Serie auf Augenhöhe begegnen können.“

Das Ensemble strotzt vor tollen Schauspielern, hat aber auch noch ein paar andere, für deutsche Produktionen immer noch ungewöhnliche Qualitäten. Welche?

Erwa: „Mir war es beim Entwickeln des Stoffes und der Besetzung der Rollen wichtig, jene Diversität, die in der Gesellschaft real existiert, auch abzubilden: eine vielschichtige, bunte Gesellschaft. Das ist einfach die Welt in der ich als Filmemacher selbst lebe, und von der ich glaube, dass sich auch das Publikum in ihr wiedererkennt.“


Jakob M. Erwa am Set von KATAKOMBENFoto: Joyn/Neuesuper/Arvid Uhlig

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Jakob M. Erwa am Set von „Katakomben“Foto: Joyn/Neuesuper/Arvid Uhlig

Brauchte es Kraft, um das durchzusetzen?

Erwa: „Im Gegenteil. Ich bin darin sehr unterstützt worden. Es ist mir wichtig, dass meine Lebenswelt und meine Überzeugungen in dem, was ich tue, zum Vorschein kommen. Insofern verstehe ich meine Kunst auch als Sprachrohr für die Werte, von denen ich überzeugt bin.“

Ist auch die Art wie Sie besetzen, Teil dieser Werte?

Erwa: „Ich wollte auch ein Augenmerk legen auf einen diversen Cast, deswegen wird beispielsweise unsere Gerichtsmedizinerin von der wunderbaren Dela Dabulamanzi gespielt, auch wenn sie im Drehbuch und auch jetzt in der Serie sehr ,bio-deutsch‘ Sabine Behnke heißt, oder der junge Münchner Staatsanwalt Liebknecht – gespielt von Yung Ngo. So wie das im echten Leben eben auch sein könnte. Es ist mir wichtig, das mit einer Selbstverständlichkeit zu erzählen, weil es in der Welt in der ich lebe, eben auch einfach so ist.“

„Queerness ist einfach Teil meiner Lebensrealität.“

Wie wichtig war es für Sie, dass es in der Serie auch queere Figuren gibt?

Erwa: „Sehr wichtig. Denn auch Queerness ist einfach Teil meiner Lebensrealität. Mir als schwulem Mann ist es immer wichtig, auch dieser Community in meiner Arbeit zu Sichtbarkeit zu verhelfen und ihr eine Stimme zu geben. Ich verstehe Medien als etwas, das man auch dazu nutzen kann – und vielleicht sogar sollte – Vorbilder zu schaffen und Mut zu machen.“

Die Serie strotzt nur so vor tollen Frauenfiguren …

Erwa: „Ja, weil ich gerade das Gefühl habe, dass Frauenfiguren oft die spannenderen Charaktere sind. Frauen haben, auch gesellschaftlich betrachtet, leider immer noch oft mehr zu kämpfen und machen eine Serie dadurch einfach besser und interessanter, als wenn man einen Stoff aus rein männlicher Sicht erzählt. Deswegen gibt’s bei uns jetzt eben eine starke Politikerin, statt eines Politikers, eine Polizistin, oder eine junge Architektin, die sich emanzipieren muss.

Tyler, beispielsweise, war zuerst männlich geschrieben. Im Prozess der Drehbucharbeit überprüfe ich gerne nochmal, ob wir gerade die interessanteste Version eines Charakters haben, oder ob man noch optimieren kann. Und als wir die Figur als Frau durchgedacht haben, war sie auf einmal viel, viel spannender. Wir hatten uns an den Namen aber gewöhnt, und haben den auch beibehalten. Auch da war es schön, Gender-Stereotype aufzubrechen.

War es schwierig, diese Diversität und den Reichtum an guten Rollen für Schauspielerinnen dem Sender zu verkaufen?

Erwa: „Nein, überhaupt nicht. Mein Produzent und Co-Creator Florian Kamhuber tickt da sehr ähnlich wie ich. Und da all diese Dinge auch spannende Konflikte und viel Drama versprechen, musste da bei Joyn auch niemand überzeugt werden. Und zwar nicht nur von der Diversität vor, sondern auch hinter der Kamera. Wir hatten beispielsweise mit Lisa Maria Müller eine weibliche Oberbeleuchterin, immer noch selten in dem Metier. Und die B-Kamera hat Rebecca Meining geführt, was toll war, weil sich dadurch auch die Dynamik im gesamten Team verändert. Das Dicke-Eier-Ding, das man von vielen Sets kennt, fällt weg und es wird anders kommuniziert und zugehört. Das war einfach eine große Bereicherung.“

Nachdem die Dreharbeiten zur Serie im Januar 2020 begonnen hatten, war im März wegen COVID-19 eine erzwungene Drehpause angesagt. Wie schwierig war das?

Erwa: „Wir haben genau bis Freitag den 13. März gedreht. Dann kam der Lockdown. Aber ich hatte Glück, weil wir zu Dreivierteln fertig waren und ich mit diesem Material gleich in den Schnitt gehen konnte. Sonst wäre ich auch durchgedreht, so von hundert auf null herunterzufahren. Und: So konnte ich gleich überprüfen, ob das alles so aufgeht, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das war also auch ganz schön.

Ab Juni haben wir dann unter bestimmten Auflagen – ständige Tests, Abstand etc. – weiterdrehen können. Das ging besser, als wir gedacht hatten. Das einzige Problem war, dass unser Stoff im Januar spielt, es im Juli aber ja heiß ist und alle Bäume grün. Also mussten nun die Schauspieler*innen bei 30 Grad in Winterklamotten spielen und wir mussten überall Kunstschnee auslegen. Deswegen liegt bei den Sommerszenen jetzt oft mehr Schnee, als bei jenen, die wir im Winter gedreht haben.“ (lacht)


Foto: Joyn/NEUESUPER/Arvid Uhlig

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„Katakomben“-Crew (v.l.n.r.): Nick Romeo Reimann, Jakob M. Erwa (Regie), Mercedes Müller, Florian Kamhuber (Produzent) und Lilly Charlotte Dreesen (Hauptcast)Foto: Joyn/NEUESUPER/Arvid Uhlig

Vor einigen Wochen hatte nicht nur Jannik Schümann, einer der Hauptdarsteller aus „Die Mitte der Welt“ sein öffentliches Coming-out, sondern einige Tage später auch 185 andere Filmschaffende in der Aktion #Actout. Wie denken Sie darüber?

Erwa: „Ich habe mich sehr gefreut und bin ein großer Fan der Aktion. Ich fand, es war mehr als an der Zeit, dass genau das passiert: Eine Aktion von ganz vielen Kolleginnen und Kollegen aus der queeren Community, die einfach sagen, ,Hier sind wir. Es gibt uns. Und wir können alle Rollen spielen. Egal, wie wir lieben.‘ Weil sich die Dinge eben nur ändern, wenn man sie anpackt und ändert – und ein Zeichen setzt. Wir müssen da manchmal einfach Vorbild sein. Film bildet nicht nur ab, sondern bildet eben auch.“

Ist es im Regiefach heute noch in Problem, so wie Sie, offen schwul zu sein?

Erwa: „Ich habe deswegen weder beruflich noch privat je irgendwelche Anfeindungen oder Nachteile erlebt. Im Gegenteil: Im Moment nutze ich die Welle sehr gern für mich, weil es ja auch immer sein kann, das es mal wieder Zeiten gibt, in denen wir mehr kämpfen müssen. Das Schönste wäre allerdings, wenn die unterschiedlichen Formen zu Lieben wirklich einfach irgendwann kein Thema mehr sind, weil es für alle Alltag ist, und überhaupt nicht mehr erwähnt werden muss. Ich bin da auch optimistisch. Aber, soweit sind wir eben noch nicht.“


Mitten im (Nacht)leben: Jakob M. Erwa auf dr Berlinale, Party der Firma Pantaflix im Hotel The Grand 2018Foto: Gerald Matzka/dpa

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Mitten im (Nacht)leben: Jakob M. Erwa 2018 auf der Berlinale-Party der Firma Pantaflix im Hotel The GrandFoto: Gerald Matzka/dpa

In „Katakomben“ wird auch viel gefeiert. Wann waren Sie das letzte Mal tanzen?

Erwa: „Im, wie ich gerne sage, ,Zwischenlockdown‘, im letzten Sommer in Berlin. Die Clubs hatten in der Lockdown-Zeit mit viel Aufwand und Geld Konzepte entwickelt, die sicherstellten, dass alles safe war, aber man trotzdem viel Spaß haben konnte. Für mich war es sehr berührend, dass die Nachteulen von Berlin dann eben zu einem Rave draußen und am helllichten Tag kamen, und die Stimmung um 13 Uhr trotzdem war, wie morgens um 5 Uhr im Berghain. Allen hatte es so gefehlt, zusammen zu sein und den Beat zu spüren, dass die Sicherheitsmaßnahmen und der Abstand, an den sich alle hielten, auch kein Problem waren. Das war sehr schön. Mir fehlt das Feiern auch. Weil Clubs und Partys auch eine Art bunte Spielwiese der Möglichkeiten für mich sind. Da treffe ich spannende Menschen und lerne neue Sichtweisen kennen.“

Dann stellen wir uns jetzt mal vor, es passiert das, was am Anfang ihrer Serie passiert: Ihr Handy vibriert und Sie bekommen eine Einladung zu einer halbwegs illegalen Party, an einem Ihnen nicht bekannten Ort. Gehen Sie hin?

Erwa: „Im Moment würde ich das nicht tun, egal wie sehr mir das Feiern gerade fehlt. Und zwar nicht nur wegen COVID-19. Darum geht es ja in der Serie: Wer nutzt welche Räume und wie? Und warum? Verdrängt man dabei vielleicht irgendwen? Und muss es nicht auch Räume geben, die jenen vorbehalten bleiben, die sonst keine Möglichkeiten haben? Das Prinzip von Safe-Spaces.“

„Deutsche queere Geschichte – da gibt es viel nachzuholen“

Arbeiten Sie denn schon an etwas Neuem?

Erwa: „Ich entwickle im Moment einige Stoffe, und mache mit Dingen weiter, die schon vor ,Katakomben‘ im Gespräch waren. Außerdem ist die Zeit zwischen Dreharbeiten auch immer gut, um Erfahrungen nachwirken zu lassen. Und diese dann möglicherweise in neuen Projekten schon anwenden zu können. Man lernt ja immer. Ich habe auch begonnen, mich in die deutsche queere Geschichte einzulesen und führe Gespräche mit vielen interessanten Personen dazu. Da gibt es noch viel nachzuholen: Von der Kaiserzeit über den Paragrafen 175 bis zum Hier und Jetzt. Es ist an der Zeit, diese Geschichten groß und breit und nicht in der Nische zu erzählen. Ich glaube, das Publikum wartet nur darauf.“

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